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Freizeitgruppe

Weshalb braucht man eine Freizeitgruppe?

Für autistische Menschen besteht ein zentrales Problem darin, unstrukturierte Freizeit sinnvoll zu gestalten und für sich so zu nutzen, daß sie nicht in stereotype Abwehrmechanismen und in sozialen Rückzug verfallen. Außerdem entwickeln viele in und nach der Pubertät ein Bewußtsein dafür, ,,anders'' und isoliert zu sein, und leiden darunter.

Ein Ziel des Freizeitangebotes ist daher, die Selbständigkeit der jungen Erwachsenen im öffentlichen Leben zu fördern, ihr Kontaktverhalten zu erweitern und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung zu eröffnen. Es wird Gelegenheit geboten, unterschiedliches Rollenverhalten in praktischen Situationen zu üben - im Restaurant, in einer Bibliothek, im Kino. Dies ist gleichzeitig eine Hilfe, individuelle Interessen herauszufinden und zu entwickeln.

Dabei andere autistische Menschen zu erfahren, tut gut: Die Teilnehmer erleben, daß sie nicht die einzigen mit sozialen Schwierigkeiten sind, sondern daß es noch andere gibt, die ,,so sind wie ich'', und daß sie akzeptiert werden können.


Warum nennen wir diese Aktivitäten "Freizeitgruppe"?

Wir sind uns bewußt, daß der Ausdruck ,,Sozialtrainingsgruppe'' viel pädagogischer (und finanziell förderungswürdiger) klingen würde. Zudem wäre diese Bezeichnung auch ganz zutreffend, denn Gruppenaktivitäten mitzumachen oder auch nur auszuhalten kann für autistische Menschen eine enorme Leistung darstellen und muß immer wieder geübt werden:

So würde ein unbefangener Beobachter der Freizeitgruppe überrascht feststellen, daß Betreuer der Gruppe oft regulierend eingreifen. Das ist nötig, weil autistische Menschen oft ,,Unausgesprochenes'' oder ,,Selbstverständlichkeiten'' nicht gut verstehen, aber meistens mit ausdrücklichen Regeln gut klarkommen: "Jetzt unterhalte ich mich gerade. Warte bitte, gleich beantworte ich deine Frage".

Aber der Aspekt des ,,Sozialtrainings'' ist nicht die einzige Funktion der Freizeitgruppe: Außerdem können sich die Teilnehmer hier dem ständigen Anpassungsdruck des Alltagslebens mit dem Zwang zu möglichst unauffälligem und angepaßtem Verhalten wenigstens zeitweise entziehen. Hier dürfen sie Autisten sein mit Sonderinteressen, motorischen Stereotypien, unangemessenem Fragen, merkwürdigem Kontaktverhalten. Wir vermuten, daß diese entspannende Wirkung einigen Teilnehmern der Gruppe ihr inneres Gleichgewicht so weit regenerieren hilft, daß sie den sonstigen Alltag ohne größere Probleme durchstehen. Die gleiche Wirkung haben Freizeit und Ausspannen auch auf nicht-autistische Menschen - diese sind lediglich besser in der Lage, sich den Ausgleich bei Bedarf selbst zu schaffen.

Daher, trotz der Bedeutung für das soziale Lernen und Üben, nennen wir diese Veranstaltung am liebsten Freizeitgruppe. Wir streben damit einen Raum an, wo sich die Teilnehmer und die Betreuer gemeinsam entspannen und es sich gutgehen lassen können. Sie sollen gerne kommen und sich auf den Austausch freuen, und dazu gehört auch, sich innerlich zeitweise in eine eigene Welt zurückziehen können: Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich manche Teilnehmer Bücher oder Comics mitbringen und darin lesen, oder wenn sie während des Treffens Tagebuch schreiben. Strukturiertes soziales Lernen, allein angetrieben durch Vorgabe von Lernzielen und Anwendung von Interventionsstrategien, ist nicht ausreichend: Es gehört auch dazu, sich selbst und seine Vorlieben zu pflegen. Die Gruppe ist nicht Selbstzweck, sondern dient auch der individuellen Entwicklung und dem eigenen Wohlbefinden. Und sehr häufig sind solche eigenen ,,zurückgezogenen'' Aktivitäten Anknüpfungspunkte für Gespräche: Wenn jemand beim Lesen kichert, werden andere neugierig; wenn jemand Tagebuch schreibt, will er seinen Text manchmal auch anderen vorlesen oder über ein Problem, über das er geschrieben hat, auch sprechen.

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